Bildliche Darstellungen auf Notmünzen 1917/1918: Frauen an der Heimatfront in der Munitionsfabrikation

Beitrag von Bernd Thier

Vorbemerkungen:

Bildliche Darstellungen treten auf deutschen Notmünzen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs (1914-1918) in großer Zahl auf. Während die 1916 und 1917 entstandenen Stücke aus Zink meist sehr einfach gestaltet wurden und vor allem Stadtwappen zeigen, stiegt ab 1918 und in der Nachkriegszeit bis 1921 die Qualität der Abbildungen und das Spektrum der Motive. So finden sich Abbildungen von Gebäuden, Stadtansichten, historischen Persönlichkeiten (meist „Söhne der Stadt“), „Originalen“ der Stadtgeschichte, von historischen Ereignissen sowie von Soldaten oder Bergleuten.  1917 und 1918 begegnen außerdem gelegentlich Propagandasprüche und Durchhalteparolen.

Einige Motive sind außergewöhnlich und spiegeln die damalige Situation sehr gut wieder. Sie sollen im Folgenden etwas aufsführlicher vorgestellt werden.

Die wichtigste Literatur hierzu ist der Band von Ralf Müller und Wolfgang Peltzer: Neuauflag von Walter Funck, Die Deutschen Notmünzen (Gietel Verlag Regenstauf, 8. Auflage 2012).

Frauen an der Heimatfront in der Munitionsfabrikation

Der Erste Weltkrieg fand nicht nur auf den Schlachtfeldern statt, sondern wurde auch an der von der deutschen Militätführung sogenannten „Heimatfront“ geführt, besonders in den Hunger- und Notjahren 1916 bis 1918. Die meisten jungen Männer waren im Kriegseinsatz, Frauen mussten plötzlich in typischen, vielfach körperlich anstrengenden Berufen „ihren Mann stehen“. Sie arbeiteten in der Landwirtschaft auf den Feldern ebenso wie als Schaffnerinnen in Straßenbahnen oder Eisenbahnen. Besonders harte Arbeit wurde ihnen aber im Bergbau (dort aber nur über Tage!) und vor allem in der Indutrie abverlangt.

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FÜRS VATERLAND, eine Frau in einer Munitionsfabrik im Jahr 1918 bei der Fertigung großer Granaten (Foto: Bernd Thier)

Auf zwei Notmünzen aus den Jahren 1917 und 1918 wird ihre „schwere patriotische Arbeit“  an der Heimatfront auch anschaulich bildlich dargestellt:

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Notmünze, Stadt Frankenthal, 10 Pfennig Kriegsgeld, Eisen, 1918, Dm 21,0 mm, Auflage 100.000 Stück, Hersteller Wilhelm Deumer, Lüdenscheid (Foto: Bernd Thier)

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Notmünze, Stadtsparkasse Bielefeld, 5 Pfennig Kriegswertmarke, Aluminium, 1917 (erst 1921 in Umlauf gesetzt), Dm 18,4 mm, Hersteller Heinrich Kissing, Menden (Foto: Bernd Thier)

In Bielefeld wurde 1917 ein 5 Pfennigstück in Zink ausgegeben, das 1921 noch einmal in einer weiteren Auflage in Aluminum geprägt wurden. Auf der Darstellung auf der Rückseite fertigt eine Frau mit Schürze und einem Schraubenschlüssel in der Hand an einer mit einem Lederriemen angetriebenen Drehbank eine Granatenhülse. Die Buchstaben H.H.H. geben in diesem Fall nicht den Stempelschneider oder Entwerfer an, sondern drei Herren der Sparkassenverwaltung:  Hornung, Heringhaus und Hanke. Auch die 10 und 50 Pfennigstücke zeigen dieser Ausgabe zeigen patriotische Motive.

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Eine Frau in einer Munitionsfabrik im Jahr 1917 bei der Fertigung von Granatenhülsen an einer Drehbank (Foto: Bernd Thier)

Eine Frau in der Munitionsfabrikation zeigt auch eine Notmünze von 1918 aus Frankenthal. Sie trägte eine von den vielen dargestellten großen und schweren Granten. Der patriotische Text FÜRS VATERLAND symbolisiert den aufopfernden Kamp der Frauen an der Heimatfront für den Kaiser, das Deutsche Reich und für die Soldaten an der Front.

Dieser Einsatz wurde als nationale Pflicht verstanden. Erstmals in der deutschen Geschichte wurden Frauen in diesen Berufen eingesetzt, viele erhofften sich daraus auch eine Art von Emazipation und auf Dauer vielleicht bessere Berufsaussichten jenseits von Herd und Küche. Diese Illusionen verschwanden jedoch nach Kriegsende und der Rückkehr der Männer aus dem Krieg oder der Gefangenschaft 1918/1919. Die Arbeitsstellen wurden wieder mit Männern besetzt. Neben den Millionen Toten an den Fronten des Krieges starben im Deutschen Reich auch ca. 800.000 Männer, Frauen und Kinder an der Heimatfront an Hunger, Entkräftung und zahlreichen hungerbedingten Krankheiten.

Neben vielen Fotos, Postkarten und Propagandaplakaten zeugen auch diese kleinen und auf den ersten Blick unscheinbaren Notmünzen von der Not der Frauen im Krieg und ihrem unermütlichen Einsatz, denn – das darf man nicht vergessen – neben der harten Arbeit in der Fabrik musste auch noch die „alltägliche“ Hausarbeit und die Erziehung der Kinder erfolgen.Dies alles unter dem Druck kaum Nahrungsmittel zu bekommen, denn seit 1915 und vor allem ab 1916 waren fast alle Lebensmittel und viele andere Dinge des täglichen Bedarfs rationiert. Unter anderem forderte der legendäre „Steckrübenwinter“ 1916/1917 zahlreiche Todesopfer unter der Zivielbevölkerung, darunter zahlreiche entkräftete Frauen!

Literatur: Bernd Thier: Mit Kriegsgeld und „K-Brot“ gegen Hortungswahn und Hunger. Der tägliche Überlebenskampf an der „Heimatfront“ 1914 bis 1918, in: An der „Heimatfront“ – Westfalen und Lippe im Ersten Weltkrieg, hg. Vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Begleitpublikation zur gleichnamigen Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes für Westfalen, Münster, Bönen 2014, 34–53.

Linktips zum Thema „Frauen an der Heimatfront im Ersten Weltkrieg“:

https://www.lpb-bw.de/geschichte_ersterweltkrieg00.html

http://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/der_erste_weltkrieg/pwiedieheimatfront100.html

http://www.sueddeutsche.de/politik/frauenbewegung-im-ersten-weltkrieg-heimatfront-im-dienste-der-maenner-1.2071424

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/alltagsleben.html

http://www.dw.com/de/zwischen-k%C3%BCche-und-fabrik-frauen-an-der-heimatfront/a-17842220

http://www.derwesten.de/panorama/wochenende/frauen-schufteten-im-ersten-weltkrieg-an-der-heimatfront-id9277682.html

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3. Juli 2016

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