Wertmarkenhersteller: Bernhard Richter, Köln (Angebotsliste 1914)

Verkaufskatalog Richter Köln 1914

Ausschnitt aus der Preisliste Nr. 196 der Fahnenfabrik Berndhard Richter, Köln, Ausgabe Jg. 45, 1914, S. 116, Privatbesitz, digitale Bearbeitung: Bernd Thier

Beitrag von Bernd Thier

Da, bis auf wenige Ausnahmen, kaum die Name der Prägeanstalten auf Wertmarken genannt werden, oder zumindest ein Symbol oder ein spezielles Zeichen erscheint, ist die Zuweisung an eine Herstellerfirma in den meisten Fällen unmöglich.

Daher soll im folgenden der Auszug aus einer Preisliste vorgestellt werden, der die Möglichkeit bietet, zumindest einige Marken eindeutig einem Hersteller zuzuweisen. Auf Seite 116 der Preisliste Nr. 196 der Fahnenfabrik Bernhard Richter in Köln (Weyerstraße 19) aus dem Jahre 1914 finden sich unter den Positionen Nr. 2490 bzw. 2491 Angebote für einfache Wert- und Biermarken aus Metall.

Die Wertmarken werden in den Metallen Messing, Kupfer und Zink in 10 Werten angeboten, die von 1 Pfennig bis zu 100 Pfennigen reichen. Ebenfalls erscheinen die exakten Durchmesserangaben sowie die Preise für je 100 Stücke, die sich linear an der Größe der Marken orientieren und nicht, wie man erwarten könnte, an deren Material. Für eine Marke zu 1 Pfennig müßte demnach ein Preis von 0,7 Pfennig bezahlt werden, für eine Marke zu 100 Pfennig bereits 5 Pfennig. Geht man von einer Auflage von 500 Stück und der Wahl des wohl häufigsten Wertes zu dieser Zeit – 10 Pfennig – aus, ergibt sich für eine Ausstattung, z.B. einer Gaststätte, ein Preis von 8 Mark. Wurden die Marken mit eingepunzten Buchstaben versehen, wie dies bei sehr vielen unbekannten Marken der Fall ist, ergibt sich ein Aufpreis von 50 Pfennig je 100 Stücke, das Preisbeispiel würde sich auf 10,50 Mark belaufen.

Die Gestaltung dieser Marken wird nicht beschrieben, es findet sich lediglich die Angabe, daß die Aufschrift „Wertmarke“ und die Wertzahl erscheint. Demnach handelt es sich um die üblichen anonymen Marken, die nicht weiter zugewiesen werden können.

Der Preisliste sind zwei weitere Angaben zu entnehmen, die für eine Datierung von Bedeutung sind. Die Marken tragen, im Jahre 1914, die Schreibweise „Wertmarke“ und nicht mehr die noch im 19. Jahrhundert übliche Angabe „Werthmarke„. Die Rechtschreibreform hat ihre Spuren hinterlassen. Trotzdem sind zu dieser Zeit auch noch Marken mit der veralteten Schreibweise ausgegeben worden, man denke an die „Werthmarken“ der deutschen Kriegsgefangenenlager aus den Jahren 1916 bis 1918. Allgemein wird der Wechsel in der Schreibweise mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts angegeben.

Die zweite Angabe bezieht sich auf die Gestaltung der Marken zu 15 und 20 Pfennig mit einem Durchmesser von 21 und 22 Millimeter, die nach neuesten gesetzlichen Bestimmungen 8-eckig geliefert werden mußten, um Verwechslungen mit 10 Pfennig-Stücken zu vermeiden. Aus diesem Grund sind diese Marken etwas teurer als in runder Ausführung. Dieser Hinweis bezieht sich auf den Bundesratserlaß münzpolizeilicher Vorschriften vom 23. Juni 1910, der wiederum auf Paragraph 14 des Münzgesetzes vom 1. Juni 1909 Bezug nimmt. Dort finden sich u.a. folgende Angaben:

§ 1. Medaillen und Marken (Reklame-, Rabatt-, Spiel-, Speise- und sonstige Wertmarken) dürfen nicht das Bildnis des Kaisers oder eines Bundesfürsten in der auf den Reichsmünzen befindlichen Gestaltung tragen oder mit einer auf dem Rande befindlichen Schrift versehen sein. Auch dürfen sie nicht die Bezeichnung einer im Deutschen Reiche geltenden Münzgattung oder die Angabe eines Geldwertes enthalten. …

§ 2. Marken (§ 1) dürfen nicht mit einem Durchmesser von mehr als 20 bis einschließlich 22 Millimeter hergestellt werden. …

§ 3. Medaillen und Marken von ovaler oder drei- bis achteckiger Form werden von der Vorschrift in § 2 nicht berührt. Diese Medaillen und Marken sowie die Medaillen und Marken mit einem Durchmesser von wenigstens 41 Millimeter sind von dem Verbot in § 1 Satz 1 ausgenommen.

§ 7. Die vorstehenden Bestimmungen treten mit dem 1. April 1912 in Kraft.“

Damit ergibt sich für die Datierung derartiger Marken, daß 8-eckige Stücke, besonders in den Werten von 10 bis 20 Pfennig, vor allem nach 1912 hergestellt wurden. Dies gilt außerdem für ovale bzw. mehreckige Stücke. Andererseits ergibt sich, daß Marken mit der Angabe eines Wertbetrages, z.B. „Gut für 10 Pfennig“ oder „10 Pfennig„, vor 1912 gefertigt worden sind.

Dies gilt auch für die unter der Position Nr. 2491 aufgeführten Biermarken, die in zwei Größen, zu 19 und 21 Millimeter, aus Messing, Kupfer und Zink angeboten werden. Je 100 Stücke kosten 2,25 bzw. 3 Mark, bei Abnahme von mehr als 500 Stücken reduzierte sich der Preis um einen geringen Betrag. So würden 500 Marken der kleineren Variante 10 Mark kosten, bei einer bedeutenden Abnahme ergaben sich weitere Preisreduzierungen. Angeboten werden neben drei verschiedenen Biermarken auch eine Kaffemarke:

1) Gut für ein Glas Bier (Abb. Bierglas)
2) Gut für 1/2 Liter Bier (Abb. Krug)
3) Gut für 1 Liter Bier (Abb. Krug)
4) Gut für 1 Tasse Kaffee (Abb. Kaffeetasse)

Für einen einmaligen Aufpreis von 9 Mark fand eine Firmengravierung statt. Dies bedeutet, es wurden eigens Stempel geschnitten und spezielle Marken ausgeprägt. In diesen Fällen erschien vermutlich der Name der Gaststätte, deren Besitzer und eventuell der Ortsname. Dieser Aufwand rentierte sich bei dem hohen Preis erst bei Auflagen von über 500 Stücken, da sonst die Herstellung des Stempels zu teuer wäre.

Sollte eine fortlaufende Nummerierung erfolgen wurde für je 100 Marken ein Aufpreis von 1,50 Mark erhoben. Dieser Service wurde vermutlich vor allem von Brauereien bei der Herstellung von Haustrunkmarken beansprucht. So wurden auch die Marken des Typs 2 und 3 mit der Angabe „1/2 bzw. 1 Liter Bier“ bevorzugt in Brauereien verwendet, während sich in Gaststätten meist die Aufschrift „Gut für ein Glas Bier“ findet.

Diese Angabe in Verbindung mit dem Hinweis, daß auf diesen Marken bei der Firma Richter ein Bierglas abgebildet ist, scheint für die Identifizierung von zentraler Bedeutung zu sein. Leider ist lediglich die Rückseite der Marke zu „Gut für 1/2 Liter Bier“ abgebildet, auf der ein „Krug“, nach heutiger Terminologie ein Deckelhumpen, abgebildet ist. Die Darstellung dieser Humpen variierte in den Prägeanstalten, die abgebildete Form wäre demnach typisch für die Firma Richter, vor allem in Verbindung mit dem Stern und dem Schrifttyp, der jedoch in ähnlicher Form auf vielen Marken erscheint.

Fraglich bleibt jedoch das Aussehen der übrigen Marken. Die Exemplare mit „Gut für 1 Liter Bier“ dürften ähnlich wie zuvor gestaltet sein, die Marken mit „Gut für 1 Glas Bier“ geben Rätsel auf. Biergläser erscheinen auf Marken im norddeutschen, speziell im westfälischen Raum kaum, obwohl sich um die dargestellten Humpen oder Deckelhumpen meist die Umschrift „Gut für ein Glas Bier“ findet. Da hier zwischen einem Bierglas und einem Krug unterschieden wurde, kann davon ausgegangen werden, daß auch ein Glas, ohne Henkel, abgebildet ist. Daher dürften Marken, auf denen ein Bierglas sowie ein Stern erscheint und die ähnlich wie das abgebildete Stück gestaltet sind, der Fahnenfabrik Richter in Köln zugewiesen werden. Mir hat bisher keine Marke vorgelegen, die sich den Typen 1 bis 3 zuweisen ließ. Zur Identifizierung kann weiter beitragen, daß Biermarken mit einem Durchmesser von 21 Millimeter, wie die Wertmarken zu 15 und 20 Pfennig, 8-eckig gestaltet sind.

Demnach ergeben sich anhand des Verkaufsprospektes zahlreiche Angaben zur Identifizierung und Datierung einfacher Wertmarken.

Der Betrieb von Bernhard Richter wurde, laut Angabe der Preisliste, im Jahre 1869 gegründet und befand sich in der Weyerstr. 19 in Köln. Als Referenz wird u.a. Großherzoglich Mecklenburgischer Hoflieferant angegeben. Hergestellt wurden Fahnen Vereinsbedarf, Dekorations- und Illuminationsgegenstände. 1914 erschien bereits im fünfundvierzigsten Jahr eine Preisliste. Die weitere Entwicklung der Firma ist unbekannt, auch liegen bislang keine Angaben dazu vor, ob bereits früher oder auch nach 1914 andere Wertmarken produziert wurden. Aufgrund der allgemeinen Entwicklung ist damit zu rechnen.

Dieser Artikel erschein in einer leicht veränderten Form bereits im NNB: Bernd Thier, Wertmarken aus der Fahnenfabrik Bernhard Richter in Köln. Hinweise zur Identifizierung und zu den Herstellungspreisen, in: Numismatisches Nachrichtenblatt 43, 1994, 289–291.


28. Dezember 2015

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