St. Petersburg (Russland): Zur Palme (deutschsprachige Werbemarke)

image-2685

Foto: Henk Groenendijk

Beitrag von Henk Groenendijk (WMF-Nr.10301)

Zur Palme, St. Petersburg (Russland)

VS: ZUR PALME | (Abb. Palme) (im Perlkreis)
RS:
FRANZ | ST. PETERSBOURG | DELLSCHAU (im Perlkreis)
rund / Messing / ø 20 mm / Wendeprägung
Markentyp: Adressmarke / Werbemarke / Spielmarke

Hersteller: unbekannt
Datierung: zwischen 1863-1914, vermutlich um 1870/1890
Literatur: Menzel (digitale Ausgabe 2014): / ; Тункель [2]: /

Im Jahre 1863 gründete Hermann Dalton (1833–1913) in St. Petersburg das “Evangelische Gesellenhaus Zur Palme“ , das später, seines kirchlichen Charakters entkleidet, als Vereinshaus der Handwerkerkreise und überhaupt als Versammlungsort der reichsdeutschen Kolonie eine große Rolle im deutschen Leben der Hauptstadt gespielt hat [3].

In einer Beschreibung aus dem Jahr 1867 wird hierzu folgendes berichtet: Der Verein, jetzt etwa aus sechshundert Mitgliedern bestehend, hat sich bereits ein eigenes Haus erworben und bietet den Mitgliedern außer substantieller Belehrung durch wissenschaftliche Vorträge auch ein Lesecabinet und ein eigenes „Palmblatt“, ferner viele heitere, gesellige Abende, von welchem alle spirituösen Getränke streng ausgeschlossen sind. Das sonst so beliebte Kartenspiel zählt hier wenig Freunde, dafür werden Domino, Schach, gesellige Spiele, besonders aber die Kegelbahn desto eifriger benutzt. Aber der Segen dieser Vereinigung beschränkt sich nicht auf das Clubhaus, sondern dehnt sich auf das ganze häusliche, geschäftliche und sociale Leben der Mitglieder und auf Fürsorge für ankommende Landsleute aus. Eine Kranken-, Spar- und Vorschußcasse und sogar eine Lebensversicherung schützt alle Mitglieder und deren Familien vor Verlegenheiten und Sorgen in der Gegenwart und für die Zukunft. Mit einem Worte, unsere deutschen Landsleute erfreuen sich unter dem Schutze dieser heiteren „Palme“, trotz des ungünstigen Klimas, so vieler segensreicher Institutionen wie nur wenige Vereine im engeren Vaterlande. [4]

Bei der Marke dürfte es sich um eine Werbe-, Adressmarke oder vielleicht auch eine Spielmarke handeln. Franz Dellschau war vermutlich ein Betreiber des Etablissements „Zur Palme“. Bisher konnte noch nicht ermittelt werden, wann dies der Fall war. Stilistisch dürfte die Marke vermutlich aus den Jahren 1870/1890 stammen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte die deutsche Gemeinde zu den größten Minderheiten in Sankt Petersburg. Von einer Bevölkerung von insgesamt 1,5 Millionen Einwohnern waren ca. 3,5 Prozent Deutsche [5].

Nach dem Baedeker Reiseführer Russland (4. Auflage 1897 [6]), war die Adresse der „Zur Palme“ Maximiliänowskij Pereülok 30 (jetzt: Πереулок Πирогова).

Der Erste Weltkrieg löste eine Welle germanophober Stimmungen in der russischen Gesellschaft aus. Deutsche Vereine wurden verboten, auch die Mitgliedschaft in russischen Organisationen war Ausländern von da an untersagt. Eigentum von Deutschen wurde konfisziert und viele Deutsche, deren Familien manchmal bereits seit Generationen in Russland lebten, verließen das Land [5].

Ein Holzstich mit einem Bild von einem Festdiner im Haus „Zur Palme“ wird aktuell bei ebay angeboten (https://www.ebay.de/itm/80477-Russland-Russia-St-Petersburg-Zur-Palme-Fest-Diner-T-Holzstich-/352251835117) (Anm.: Dieser Link wird nur einige Zeit aktuell sein!)

Literatur:

[1]        Peter Menzel, DEUTSCHSPRACHIGE NOTMÜNZEN UND GELDERSATZMARKEN im In- und Ausland 1840 bis 2002. Erste digitale Ausgabe (2014).

[2]        А.В Тункель, Металлические боны России и СССР, Донецк (1992); (Metall-Coupons von Russland und der UdSSR).

[3]        Erik Amburger, Deutsche in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Russlands. Die Familie Amburger in St. Petersburg 1770-1920. Otto Harrassowitz, Wiesbaden (1986).

[4]        Die Gartenlaube, Heft 36, S. 568–570. Verlag von Ernst Keil, Leipzig (1867). https://de.wikisource.org/wiki/Ein_deutscher_Club_im_fernen_Norden

[5]        Russia Beyond: https://de.rbth.com

[6]        K. Baedeker, Russland Handbuch für Reisende, 4. Auflage, Leipzig (1897).

Achtung: Hier eingefügte Links können nicht ständig überprüft werden, daher keine dauerhafte Garantie für deren Gültigkeit!


27. Juli 2018

Schlagworte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Webdesign: Sebastian Stüber & Robin Thier