Ausgabeort einer Kaffeemarke aufgeklärt (= Bremen)

Beitrag von Markus Klemke (zu der bisher unbekannten Marke WMF-Nr. 10216)

Marke WMF-Nr. 10216

Unter den Wertmarken ohne Zuweisung finden sich unter der WMF-Nr. 10216 mehrere Marken mit einem Schlüssel auf der Vorderseite, der von einem bislang unbekannten Werkzeug gekreuzt wird. Aufgrund des Schlüssels ordnete Peter Menzel die Marken im Jahr 2005 unter der Nr. 3565.1 Bremen zu. Da sich der ausgebende Betrieb jedoch nicht ermitteln ließ und das Schlüsselsymbol allein für eine sichere Lokalisierung nicht ausreichte, wurden die Marken in der digitalen Ausgabe von 2014 unter der Nr. 41105.1 ohne Ortsangabe geführt.

Marke ohne Wertangabe, in der Art einer kleinen Spielmarke, Ende 19. Jahrhundert / um 1900, Messing, Dm 17,9 mm, Stärke 1,08, Wendeprägung, mit einer durch einen Kreis angedeuteten Stelle für eine Lochung (Foto: Bernd Thier)

Inzwischen ist auch eine weitere Marke aufgetaucht, die auf der Rückseite eine Art Burganlage abbildet, die sicherlich so nicht in Bremen oder der näheren Umgebung gestanden haben dürfte.

Abb. 1: Silbermedaille, verliehen zum 25-jährigen Jubiläum in der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen im Jahr 1957 (Foto: Markus Klemke).

Neue Objekte ermöglichen nun eine zweifelsfreie Bestimmung. Eine zur 25-jährigen Betriebszugehörigkeit verliehene Silbermedaille (Abb. 1) sowie eine Anstecknadel aus dem Jahr 1938 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Unternehmens (Abb. 2) belegen, dass die fraglichen Marken von der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen ausgegeben wurden. Zugleich lässt sich damit auch das bislang nicht identifizierte, den Schlüssel kreuzende Gerät bestimmen: Es handelt sich um eine Spindel mit U-förmigem Spinnflügel.

Abb. 2: Anstecknadel zum 50-jährigen Bestehen der Fabrik im Jahr 1938 (Foto: Markus Klemke).

Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die Geschichte der Fabrik gegeben, die in Bremen unter dem Namen „die Jute“ bekannt war.

Über die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen

Bei Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 hatten sich mit Ausnahme von Bremen und Hamburg alle deutschen Staaten dem Zollverein von 1833 angeschlossen. Reichskanzler Bismarck drängte Bremen, Verhandlungen mit dem Deutschen Reich über einen Zollanschluss aufzunehmen. Voraussetzung für die Ausweisung eines Zollfreibezirks war die Verpflichtung Bremens zur Anlage eines Hafenbeckens für Seeschiffe. Dieses musste bis zum von Bismarck festgelegten Termin des Zollanschlusses am 15. Oktober 1888 fertiggestellt sein. Zwischen 1885 und 1888 wurde deshalb der zwei Kilometer lange Freihafen angelegt.

Die Gründung der Jute-Spinnerei und Weberei Bremen steht in direktem Zusammenhang mit dem Zollanschluss und dem Hafenbau, da diese Entwicklungen neue Möglichkeiten der Industrieansiedlung eröffneten. Vor dem Beitritt Bremens zum Zollverein wurde bremisches Kapital überwiegend im Umland investiert, um Zollabgaben bei der Warenausfuhr zu vermeiden [1]. So wurde beispielsweise für die „Bremer Jute-Spinnerei und Weberei AG“ im Jahr 1873 ein Standort im preußischen Hemelingen gewählt [2].

Mit erfolgtem Zollanschluss wurde nun auch die Ansiedlung verarbeitender Industrie innerhalb des bremischen Staatsgebiets möglich.

Unter diesen Voraussetzungen wurde am 20. März 1888 in Bremen die eigenständige „Jute-Spinnerei und Weberei Bremen“ gegründet. So konnte am 20. März 1888 mit der Bremer Jutespinnerei und Weberei eine Jutefabrik auf bremischem Gebiet gegründet werden. Diese Jutefabrik musste noch vor dem Zollanschluss Bremens zum Zollverein fertiggestellt werden, damit die aus dem Ausland importierten Maschinen noch zollfrei eingeführt werden konnten. Dadurch ergab sich eine Zollersparnis von 50 000 Mark. Noch am Tag der Gründung erwarb das Unternehmen ein 75 000 Quadratmeter großes Grundstück in Hafennähe am Gröpelinger Deich im Stadtteil Walle, an der Nordstraße südlich der Heimatstraße gelegen. Am 15. Mai erfolgte die Grundsteinlegung. Bis zum August waren die 15 000 Quadratmeter umfassenden Fabrikgebäude fertiggestellt. Anschließend begann die Installation der Maschinen. Am 12. Oktober, also drei Tage vor dem Anschluss an den Zollverein, waren die Anlagen betriebsbereit. Über einen eigenen Gleisanschluss gelangte die Rohjute vom Freihafen in die Lagerhäuser der Fabrik. Die fertigen Waren gelangten sowohl auf dem Seeweg als auch per Bahn an ihre Bestimmungsorte. Im Jahr 1896 wurde das Werk erheblich erweitert und hatte 2000 Beschäftigte. Nach dem Bau zahlreicher Arbeiterwohnungen entstand zwischen 1905 und 1907 zudem ein Säuglings- und Kleinkinderheim.

Abb. 3: Postkarte mit mehreren Ansichten der Fabrik, um 1910/1914, gelaufen 1914 (Foto: Markus Klemke).

Um das Jahr 1913 verarbeitete die Bremer Fabrik jährlich 70 000 Ballen Rohjute, was etwa einem Zehntel des damaligen deutschen Rohjute-Verbrauchs entsprach. Die 624 Webstühle produzierten täglich 72 000 laufende Meter Gewebe. Zu den hergestellten Waren gehörten außerdem Linoleumleinen sowie Jutesäcke. Die Jahresproduktion lag um 1913 bei 10 Mio. Säcken. Abnehmer waren Mühlen, Zuckerwerke, Düngerfabriken und Wollwäschereien. Der Absatz erfolgte vornehmlich innerhalb Deutschlands, teilweise aber auch im europäischen Ausland sowie in Afrika und Amerika [1].

1932 übernahm die Jute-Spinnerei und Weberei Bremen die in Delmenhorst ansässige „Hanseatische Jute-Spinnerei und Weberei AG“ [3, 4]. Zum 50. Jubiläum im Jahr 1938 war die Bremer Jutefabrik das zweitgrößte Unternehmen der deutschen Juteindustrie. Sie beschäftigte rund 2400 Arbeitskräfte und verfügte über 1250 Webstühle sowie 28 500 Spindeln. Die tägliche Produktion lag bei 60 t (entsprechend 360.000 km) Garn sowie 45 t Gewebe [4].

Abb. 4. Aktie der Jute-Spinnerei, ausgegeben 1924 (Foto: Markus Klemke).

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Bremer Werk mitsamt den zahlreichen Arbeiterwohnungen und dem Kinderheim nahezu vollständig zerstört. Es wurde jedoch wieder aufgebaut und erreichte bis 1952 wieder 90 Prozent seiner früheren Kapazität [5].

Abb. 5: Postkarte mit der Abbildung der Jutespinnerei im Vordergrund
und dem Freihafen links im Hintergrund, ungelaufen, um 1900/1905
(Foto: Markus Klemke).

Die Produktion der Jute-Spinnerei wurde 1959 vollständig nach Delmenhorst verlagert [6]. Ende 1996 wurde auch das Werk in Delmenhorst geschlossen [7].

Quellen:

[1] Jute-Spinnerei und Weberei Bremen in Bremen 1888–1913, Ecksteins Biographischer Verlag, Berlin 1913.

[2] Historisch-biographische Blätter: der Staat Bremen / Hrsg. Julius Eckstein. Verantw. Red.: Alexander Engel. Berlin: Ecksteins Biographischer Verlag, 1906–1911 : 10. Lieferung (1906). Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, 01.z.0570, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:46:1-178260 / Nutzungsrechte eingeschränkt.

[3] Bremische Biographie 1912–1962, herausgegeben von der Historischen Gesellschaft zu Bremen und dem Staatsarchiv Bremen, Hauschild, Bremen 1969. S. 193, über Vorstand Albert Haasemann.

[4] Bremer Nachrichten mit Weser-Zeitung, 18.3.38, „50 Jahre Jute-Spinnerei und Weberei Bremen in Bremen“.

[5] Bremen und seine Bauten 1900–1951, E. H. Carl Thalenhorst (Hrsg.), Schünemann, Bremen 1952. S. 140 f.

[6] Weser-Kurier, 8. Juni 1959, S. 4, „Jutespinnerei zieht nach Delmenhorst“.

[7] Weser-Kurier, 28. Juni 1996, S. 5, „Bremer Jute stellt ihre Produktion ein“.

Die Links auf dieser Seite können nicht alle regelmäßig kontrolliert werden. Sollten Sie einen funktionslosen Link finden, würde ich mich über einen Hinweis unter info@wertmarkenforum.de freuen.


1. März 2026

Schlagworte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Webdesign: Sebastian Stüber & Robin Thier