Eine unedierte Erfurter Rabattmarke aus den Goldenen Zwanzigern

(Thüringen) WMF-Nr. 10441 (nicht im Katalog Menzel) – Beitrag von Hans-Peter Brachmanski

(Foto: Hans-Peter Brachmanski)

VS: ∗ DIESE REKLAME-MÜNZE WIRD LT. AUSHANG IN ZAHLUNG GENOMMEN  (umlaufend)| ∗ | MUSIKHAUS | GÄRTNER | ERFURT | JOHANNESSTR. 107 | ∗ | (im Perlkreis im Stabrand)
RS:
Abb. Flugzeug (beschriftet JANUS) über Erdkugel mit Spruch: „MIT·FLUGESSCHNELLE·WIRST·DU·REICH |SPARST·DU·DURCH·SOLCHE·MÜNZEN·GLEICH“ (im Perlkreis im Stabrand)
rund / Aluminium / ø 33,0 mm / Wendeprägung
Markentyp: Rabattmarke

Hersteller: unbekannt
Datierung: 1924/1928
Sammlung: HPB
Literatur: Menzel (digitale Ausgabe 2022): / ; WMF (Hefte): /

Münzfreunden, die sich mit dem Randgebiet der Wertmarken befassen oder die eine Regionalsammlung aufbauen, dürfte der Begriff „Hezinger-Marken“ geläufig sein. Diese bilden innerhalb des sehr umfangreichen Wertmarkenspektrums eine Teilmenge. Die im sächsischen Crimmitschau ansässige und 1890 gegründete Hezinger Ofengesellschaft gab etwa zwischen 1923 und 1935 eine Reihe von Reklamemarken heraus, die entweder für eigene Zwecke oder für andere Unternehmen hergestellt worden sind. Mit diesen Marken in der Hand konnte die Kundschaft einen Rabatt beim Einkauf in Anspruch nehmen, wobei die Höhe des Rabatts entweder direkt auf den Marken angegeben wurde oder in den Geschäftsräumen laut Aushang ersichtlich war.

Die meisten Marken wurden in Messing versilbert als „D. R. G. M.“ (Reichsgebrauchsmuster) gefertigt, ein kleinerer Teil in Aluminium. Während die Vorderseite die Angaben zur ausgebenden Firma enthält, wurde für die Rückseite auf mindestens fünf verschiedene Ausführungen zurückgegriffen:

1) großer Reichsadler im Schmuckkreis

2) Brustbild Kaiser Friedrichs III.

3) Brustbild Reichspräsident Hindenburg

4) Flugzeug „Janus“ über nördlicher Erdkugel mit Spruch

5) Flugzeug „Janus“ wie zuvor, aber ohne Spruch

Für die Stadt Erfurt kann nun erstmals eine „Hezinger Rabatt-Reklame-Marke“ nachgewiesen werden. Die vorliegende Marke des Musikhauses Gärtner gehört somit zum vierten Typ „Flugzeug über Erdkugel mit Spruch“, von dem heute etwa 60 verschiedene Ausgaben bekannt sind. Die Mehrzahl des vierten Typs wurde in Messing versilbert hergestellt, etwa ein Viertel davon in Aluminium. Da auf den „Hezinger-Marken“ rückseitig sonst der Urheber mit „D. R. G. M. HEZINGER CRIMMITSCHAU“ angegeben ist, vertritt Peter Menzel die Annahme, dass die Stücke ohne diesen Text aus den Anfangsjahren noch von der bekannten 1790 begründeten Münzprägeanstalt L. Chr. Lauer in Nürnberg hergestellt worden sind. Das könnte demnach auch für das Stück aus Erfurt zutreffen. Zeitlich wäre die Marke somit zunächst in die Jahre 1923 bis 1925 einzuordnen.

Allerdings gibt es verschiedene Ausfertigungen der „neutralen“ Rückseite, die sicherlich mit den verschiedenen Dimensionen in Verbindung stehen: Exemplare in Aluminium weisen Durchmesser von ca. 33 mm oder ca. 40 mm auf, wobei bislang nur fünf verschiedene Ausgaben mit dem kleineren Durchmesser bei Menzel erfasst sind.

Die überwiegende Anzahl der Marken mit dem Motiv „Flugzeug über Erdkugel mit Spruch“ kann Auftraggebern aus Sachsen zugeordnet werden, gefolgt von vier Orten aus den ehemaligen Ostgebieten: Friedeberg am Queis (Mirsk), Hirschberg im Riesengebirge (Jelenia Góra), Reichenbach in Schlesien (Dzierżoniów) und Striegau in Schlesien (Strzegom).

Für Thüringen sind bislang nur Exemplare aus Gera (Georg Gruber, Aluminium, Dm. 40 mm), Greiz (Richard Käppel, Messing versilbert, Dm. 29 mm) und Ilmenau (Radio-Brand, Aluminium, Dm. 33 mm) und aus dem restlichen Reichsgebiet lediglich aus Elsterwerda, Rinteln und Rodenberg am Deister belegt.

Die Auftraggeber waren meistens Mode- und Bekleidungshäuser sowie Handelshäuser aus der Musik- und Elektrobranche, also überall dort, wo für damalige Verhältnisse eher hochpreisige Anschaffungen zu tätigen waren und entsprechende Rabatte förderlich für den Umsatz waren.

Auszug aus dem Erfurter Adressbuch von 1928

Im Erfurter Adressbuch von 1924 findet sich Egermeiers Musikhaus in der Johannesstraße 107. In den Adressbüchern von 1928 (vgl. Abbildung) und 1930 wird an gleicher Adresse nun das Musikhaus Gärtner, geführt von Alfred Gärtner als Musikinstrumentenhandlung, angegeben, 1935 erweitert als Radio- und Musikhaus. Alfred Gärtner kann bereits im Adressbuch von 1924 als Kaufmann, wohnhaft am Hirschlachufer 16 im ersten Stock, gefunden werden.

Im Adressbuch von 1938 ist Alfred Gärtner an der Spicherer Straße 25 I zu finden, an alter Adresse firmiert jetzt eine Zoohandlung. Mit diesen Informationen lässt sich die Marke zeitlich wohl in die Anfangsphase des Musikhauses Gärtner einordnen, der Einsatz im Rahmen der Geschäftseröffnung zum Ankurbeln des Geschäftsbetriebes ist sicherlich plausibel.

Somit fügt sich das „neue“ Stück aus Erfurt hervorragend in den Kanon der „Hezinger-Marken“ und in die Zeit – und es zeigt, dass die Suche nach bislang unedierten Erfurtensien noch längst nicht beendet ist. Neben den eingangs erwähnten Regional- und Wertmarkensammlern gibt es noch die Gruppe der Luftfahrtthematiker, die solche Stücke ebenfalls gern in die Sammlung aufnimmt.

Quellen:

Peter Menzel, Deutschsprachige Notmünzen und Geldersatzmarken im In- und Ausland 1840 bis 2002, Dritte überarbeitete digitale Ausgabe 2022, herausgegeben in digitaler Form im Selbstverlag des Online-Magazins Wertmarkenforum.de durch Bernd Thier, Münster 2022.

Erfurter Adressbücher, Ausgaben 1924 bis 1935.

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1. März 2026

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